Brasilien ist nicht nur das größte Land Südamerikas, sondern auch eine der wichtigsten Schwellenmächte der Welt. Doch wie stark ist Brasilien wirklich – wirtschaftlich, diplomatisch und militärisch? Der folgende Artikel gibt einen Überblick über Brasiliens Stellung in den BRICS-Staaten, seine Beziehungen zu Europa, den USA, China und Russland sowie seine sicherheitspolitische Rolle – ergänzt um die Haltung Brasiliens zum Ukraine-Krieg und zum Nahostkonflikt.
Brasilien in den BRICS – wirtschaftliche Stärke mit Herausforderungen
BRICS steht für Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika – ein Zusammenschluss großer Schwellenländer mit dem Ziel, eine multipolare Weltordnung zu fördern. Brasilien war 2009 Gründungsmitglied der BRIC-Gruppe, die später zu BRICS erweitert wurde.
Wirtschaftlich steht Brasilien innerhalb der BRICS eher im Mittelfeld:
- Neuntgrößte Volkswirtschaft der Welt (BIP nominal), jedoch mit schwankendem Wachstum
- Stärken: Agrarwirtschaft, Rohstoffexporte, Energie (Bioethanol, Öl, Wasserkraft), zunehmend Technologie
- Mitglied der New Development Bank (NDB) der BRICS
Ziele Brasiliens innerhalb von BRICS:
- Mehr geopolitische Mitsprache, z. B. im UN-Sicherheitsrat
- Ausbau des Handels unter den BRICS-Staaten
- Kooperation mit China und Indien, ohne den Westen aufzugeben
Beziehungen zur EU und speziell zu Deutschland
Brasilien ist der wichtigste Handelspartner der Europäischen Union in Lateinamerika, und innerhalb der EU nimmt Deutschland eine herausragende Rolle ein. Die Beziehungen zwischen beiden Ländern sind historisch gewachsen, vielfältig und strategisch – auf wirtschaftlicher, politischer und kultureller Ebene.
Wirtschaftliche Verflechtung:
- Deutschland ist einer der größten ausländischen Investoren in Brasilien, besonders in der Industrie, im Maschinenbau, der Automobilbranche, der Chemieindustrie und im Energiesektor.
- Über 1.000 deutsche Unternehmen sind vor Ort aktiv, darunter Konzerne wie Siemens, BASF, Volkswagen und Bayer.
- Brasilien ist für Deutschland der wichtigste Handelspartner in Südamerika.
- Umgekehrt ist Deutschland Brasiliens wichtigster europäischer Handelspartner.
Forschung, Bildung & Innovation:
- Enge Zusammenarbeit in Wissenschaft und Technologie – z. B. durch das Fraunhofer-Institut, die Max-Planck-Gesellschaft oder gemeinsame Forschungsprojekte
- Der DAAD fördert Stipendien und Kooperationen zwischen Hochschulen
- Deutsch als Fremdsprache an vielen Schulen, vor allem im Süden Brasiliens
Politischer Dialog & Entwicklungszusammenarbeit:
- Regelmäßige Regierungs- und Strategiedialoge zu Klima, Menschenrechten, Digitalisierung
- Brasilien als Schlüsselpartner für Deutschland in der Klimapolitik (Amazonasfonds)
- Gemeinsames Bekenntnis zu Multilateralismus und Völkerrecht
Kulturelle Verbindungen:
- Deutsch-brasilianische Community zählt zu den größten Einwanderergruppen
- Städte wie Blumenau oder Joinville zeigen gelebte deutsche Kultur
- Enge zivilgesellschaftliche Verbindungen durch Goethe-Institut, Stiftungen, Austauschprogramme
Fazit: Die Beziehungen sind strategisch, wirtschaftlich bedeutend und kulturell tief verwurzelt – mit großem Potenzial für die Zukunft.
Brasilien und die USA – wirtschaftlich eng verbunden
Die USA sind weiterhin ein bedeutender Partner:
- Wichtigster Handelspartner außerhalb Asiens
- Starke US-Investitionen in Technologie, Finanzen und Energie
- Kooperationen in Raumfahrt, Digitalisierung und Sicherheit
Unter Lula wird eine ausgewogenere Außenpolitik angestrebt, mit mehr Unabhängigkeit gegenüber Washington.
Brasilien, China und Russland – strategische Nähe mit Grenzen
China:
- Wichtigster Handelspartner Brasiliens
- Exporte: Soja, Eisenerz, Erdöl
- Chinesische Investitionen in Infrastruktur, Telekommunikation, Energie
- Politisch pragmatisch, ohne Abhängigkeit
Russland:
- Kooperation im Agrarsektor (z. B. Düngemittel)
- Keine militärische Nähe, besonders seit dem Ukraine-Krieg
- Brasilien hält Distanz, betont aber Dialogbereitschaft
Brasiliens militärische Rolle – regional stark, global defensiv
- Größte Streitkraft Südamerikas (ca. 360.000 aktive Soldaten)
- Eigene Rüstungsindustrie (z. B. Embraer), U-Boot-Programm
- Keine Mitgliedschaft in militärischen Allianzen wie NATO
- Engagement in UN-Friedensmissionen und Kooperationen mit westlichen Staaten
- Fokus auf Souveränität, Friedenssicherung und regionale Stabilität
Brasiliens außenpolitische Haltung: Ukraine-Krieg und Nahostkonflikt
Ukraine-Krieg:
- Neutrale, diplomatische Linie
- Lula kritisiert sowohl Russland als auch die NATO
- Verurteilung der Invasion, aber keine Sanktionen
- Betonung von Dialog und Verhandlungen
- Vermittlungsangebot durch Brasilien blieb bislang ohne internationale Resonanz
Nahostkonflikt:
- Anerkennung Israels und Unterstützung für Palästina
- Verurteilung der Gewalt beider Seiten
- Lula bezeichnete Israels Vorgehen in Gaza als „unverhältnismäßig“
- Forderung nach Waffenruhe und Zwei-Staaten-Lösung
Brasilien: Die stille Supermacht des Südens?
Brasilien ist keine klassische Großmacht, aber ein geopolitisch bedeutender Akteur. Das Land balanciert geschickt zwischen Ost und West, setzt auf Diplomatie, wirtschaftliche Eigenständigkeit und nachhaltige Entwicklung. Es bleibt ein Stabilitätsanker und Vermittler im globalen Süden – mit dem Potenzial, in einer multipolaren Weltordnung eine noch wichtigere Rolle zu spielen.
Fotonachweis: Brasilien: Gruppenfoto Kempf, Gil, Almeida, Kapferer, Martinhão. Flickr – CC BY 2.0